{"id":43,"date":"2008-10-10T10:42:40","date_gmt":"2008-10-10T09:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.le-matt.de\/blog\/die-heimlichen-herrscher\/"},"modified":"2008-10-12T09:16:51","modified_gmt":"2008-10-12T08:16:51","slug":"die-heimlichen-herrscher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.any-where.de\/blog\/die-heimlichen-herrscher\/","title":{"rendered":"Die heimlichen Herrscher."},"content":{"rendered":"<p>Brieffreundschaften sind nun endg\u00fcltig out. Die Zeiten, in denen man Briefe handschriftlich kreierte, erlebten in den letzten Jahren einen rasanten Zerfall, genauso wie die VHS-Kassette oder der R\u00f6hrenfernseher. Das ist alles nichts neues. Emails ersetzen Briefe, Kinder haben heute dank SMS eine \u00fcberm\u00e4\u00dfig stark ausgepr\u00e4gte Daumenmuskulatur, \u00fcber die orthop\u00e4dischen Sp\u00e4tfolgen des Tippens dieser zeitfressenden Kurznachrichten wei\u00df noch keiner was. Kurzum, spannende Zeiten der Kommunikation. Schlecht ist das alles nicht, im Gegenteil, ich geh\u00f6re zu den \u00fcberzeugten Anh\u00e4ngern aller schnellen Kommunikation und des immer und \u00fcberall Online-Seins.<\/p>\n<p>Auch ich habe einen Account bei Xing, StudiVZ, Wer-kennt-wen, Facebook und eins.de- der heutigen Echtzeitform der Weihnachtsbriefe und monatlichen Anrufe bei Muttern, immer und \u00fcberall verf\u00fcgbar. Soziale Netze sind eine sch\u00f6ne Sache: Man verwaltet Kontakte zu alten Kollegen, Freunden, Kommilitonen und Bekannten. Das ist toll: Man h\u00f6rt mal wieder von Menschen, die man schon lange nicht gesehen hat und bei denen man sich ansonsten vielleicht nie gemeldet h\u00e4tte- sei es aufgrund des schlechten Gewissens wegen des sich nicht Meldens an sich oder wegen einer scheinbar h\u00f6hren Priorit\u00e4tsstufe der Person aufgrund der Einfachheit des online Kontaktaufnehmens.<\/p>\n<p><strong>Ich habe keine Freunde<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch muss ich doch manchmal schmunzeln \u00fcber die Art und Weise, wie diese Netzwerke genutzt werden. Interessant, wer da alles so als Kontakt auftaucht. Offline sind wir Deutschen im europ\u00e4ischen Vergleich weniger kontaktfreudig als andere Nationen. Online scheint dies aber doch ganz anders zu sein. Aktuell habe ich in meinem Wer-kennt-wen Account 17 Leute, die gerne meine Freunde werden m\u00f6chten, bzw. es offensichtlich schon sind, denn sie schreiben mich ja an. Das Problem ist nur: Ich kenne sie nicht. Klicke ich auf das Profil dieser Freundschaftsanw\u00e4rter, sehe ich, dass diese offensichtlich andere meiner Freunde kennen. Kennen ist vielleicht zuviel gesagt: Denn diese Personen haben oft 500 Freunde! Wahnsinn, bin ich einsam. Mein aktueller Freundesbestand sieht so aus:<\/p>\n<ul>\n<li>StudiVZ: 134<\/li>\n<li>Wer-kennt-wen: 146<\/li>\n<li>Xing: 113<\/li>\n<li>Facebook: 11<\/li>\n<\/ul>\n<p>Als ich mich bei Facebook anmeldete, wurde ich mit den Worten &#8220;Du hast keine Freunde&#8221; begr\u00fc\u00dft. Diese ungl\u00fcckliche Statusmeldung nehmen sich viele User offensichtlich sehr zu Herzen und sammeln und sammeln Kontakte \u00fcber Kontakte. Meine Freundesanw\u00e4rter bringen offensichtlich viel Zeit mit. Wie pflegt man Kontakte zu 500 Freunden? Da reicht ein Fulltimejob nicht aus. Wahrscheinlich sind diese Menschen auf meiner Liste die heimlichen Herrscher dieser Welt, mit einer Schar von Sekret\u00e4rinnen, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Nachrichten an Freunde zu verfassen, zu &#8220;Gruscheln&#8221;, ihre Bosse auf Bilder zu verlinken oder Nachrichten in den zahlreichen Gruppen zu schreiben, denen man beitreten kann. Irgendwann \u00fcbernehmen diese gruseligen Diktatoren die Welt und wer nicht zum Kreis ihrer Freunde geh\u00f6rt, wird ins soziale Abseits gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>Unverhoffte Freunde<\/strong><\/p>\n<p>Anfangs dachte ich, meine Freundesanw\u00e4rter haben sich verklickt. Ich habe ja nun einen Allerweltsnamen und da wird man schon mal verwechselt. Vielleicht suchten sie einen ganz anderen Matthias M\u00fcller. Also klickte ich in der Liste meiner &#8220;Ich-m\u00f6chte-Dein-Freund-sein&#8221;-Menschen f\u00fcr gew\u00f6hnlich auf den Ichkennedichnichtbutton, wenn ich eine dieser verzweifelten Anfragen bekomme. Zum Beispiel Christina, bei der weder das Foto, noch Hobbies oder Bekanntenkreis darauf schlie\u00dfen lie\u00df, dass ich sie kenne. Zwar haben wir 2 gleiche &#8220;Freunde&#8221;- aber erinnern kann ich mich dennoch nicht. Also: Ichkennedichnichtbutton dr\u00fccken. Ist ja nur nett, vielleicht bin ich ja wirklich der Falsche.<\/p>\n<p>Aber es dauerte &#8211; wie in den meisten F\u00e4llen- nicht einen Tag, bis ich in meinem Emailpostfach eine Nachricht erhielt, dass &#8220;Christina nervt, sie m\u00f6chte Dein Freund werden&#8221;.\u00a0 Innerlich fing ich nun an, Synapsen zu aktivieren, die verstaubt in meinem Gro\u00dfhirn auf Benutzung warteten: ich kramte Namen von Grundschulfreunden, Kommilitonen, Kollegen etc. hervor. Ich hatte schlaflose N\u00e4chte, in welchen ich versuchte, mich daran zu erinnern, wer wohl die nervende Person ist, die in meinen engsten Kreis aufgenommen werden will.<\/p>\n<p>Es fiel mir nicht ein. Allerdings traute ich mich aber auch nicht, ihr noch einmal mitzuteilen , von der Warteliste genommen worden zu sein. Also lasse ich sie nun in meiner Hall of Fame der Anw\u00e4rter stehen, wo ihr Name neben vielen anderen auf Godot wartet.<\/p>\n<p><strong>Einseitige Freunde<\/strong><\/p>\n<p>Das ganze ist doch sehr merkw\u00fcrdig. Wir sammelten fr\u00fcher noch Sticker und nur die besten Freunde bekamen die sch\u00f6nsten Aufkleber im Tausch oder durften mit ins Baumhaus in den elterlichen Garten. Heute werden Kontakte gesammelt wie Sticker. Online ist man offensichtlich schon ein Freund, wenn man sich einmal im Leben gesehen hat oder man sogar nur einmal gesehen wurde. Onlinefreundschaft\u00a0 in sozialen Netzwerken ist offensichtlich h\u00e4ufig sehr einseitig, wenn man \u00fcberhaupt von Freundschaft sprechen kann. Anders kann ich mir es nicht erkl\u00e4ren, dass ich von diesen vielen sicher netten Leuten als Freund angesehen werde, ohne, dass ich jemals ein Wort mit ihnen gewechselt habe. Und auch nur die Tatsache, dass diese Menschen vielleicht jemanden kennen (oder gesehen haben), mit dem ich tats\u00e4chlich schon einmal gesprochen habe oder der sogar ein Teil meines Lebens war oder ist, rechtfertigt doch nicht eine Aufnahme in meinen Freundeskreis.<\/p>\n<p>Ich habe manchmal den Eindruck, dass auch ein weiteres althergebrachtes Hobby der Onlinewelt zum Opfer gefallen ist. Statt Briefmarken sammelt man offensichtlich Kontakte.<\/p>\n<p>Ich kenne Menschen vom sehen, wei\u00df vielleicht auch ihren Namen. Aber deswegen w\u00fcrde ich sie nicht als Teil meines Soziallebens betrachten. Denn etwas anderes ist doch ein Soziales Netzwerk nicht: Eine Online-Abbildung meiner sozialen Verbindungen. Wenn nun also ein &#8220;sich einmal sehen&#8221; schon ausreicht, um auf der Freundesliste zu landen, werde ich mal bei den Betreibern nachfragen, ob man nicht eine Funktion einbauen kann, die auf Knopfdruck alle Menschen zu meinem Profil als Freund hinzuf\u00fcgt, die im Umkreis von 100m um mein Haus wohnen. Oder die, die ich immer morgens am Bahnsteig oder der Bushaltestelle sehe.<\/p>\n<p>Viele verkehren den prim\u00e4ren Sinn dieser sozialen Netzwerke. Denn dieser ist doch, sein Offlineleben zu vereinfachen und zu bereichern, indem man online den Kontakt und Austausch mit Menschen des offline\/online Lebens pflegt und f\u00f6rdert. Der wichtigste Bestandteil dessen ist, dass man in Kontakt bleibt. Aber wie ist dies m\u00f6glich, wenn man jeden, dem man begegnet, als Freund betrachtet und seine Liste mit Kontakten nicht nur mit mit Menschen des n\u00e4heren sondern auch des sehr weiten Umfelds f\u00fcllt, wie zum Beispiel meine Christina? Sie kennt jemand, den ich kenne und hat mich vielleicht schon gesehen. Ich sie aber nie. Die meisten dieser so gesammelten Kontakte landen also im digitalen Nirvana und verstauben in der Freundesliste. Hauptsache irgendwie &#8220;gekannt&#8221;. Wie will man auch zu 500 Leuten in Kontakt bleiben? Eine Ordnung der Freunde beispielsweise nach Kontakth\u00e4ufigkeit oder die Vornehmung irgendeiner anderen Priorisierung ist online nicht m\u00f6glich, Freund ist Freund. Sp\u00e4testens jetzt wird doch ein soziales Netzwerk zur stressigen Angelgenheit, wenn ein Nutzer aus 500 Leuten auch noch diejenigen herausfiltern muss, mit denen er tats\u00e4chlich in Kontakt ist.<\/p>\n<p>Da bin ich doch froh, dass ich tats\u00e4chlich mit jedem, den ich in meinen wertvollen Listen habe, schon gesprochen habe und auch auf der Stra\u00dfe ansprechen w\u00fcrde, wenn ich ihnen begegne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brieffreundschaften sind nun endg\u00fcltig out. 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