{"id":604,"date":"2011-09-26T11:57:18","date_gmt":"2011-09-26T10:57:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.any-where.de\/blog\/?p=604"},"modified":"2011-09-26T11:59:02","modified_gmt":"2011-09-26T10:59:02","slug":"superlative_reissaecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.any-where.de\/blog\/superlative_reissaecke\/","title":{"rendered":"Superlative Reiss\u00e4cke."},"content":{"rendered":"<p>Wir waren gerade in China &#8211; eine tolle Reise in ein spannendes Land. Hier gibt es ein Paar Gedanken von mir zu unserem Trip. Viel Spa\u00df beim Lesen! Wer nur <a href=\"https:\/\/picasaweb.google.com\/109747868230974974032\/China2011\" target=\"_blank\">Bilder<\/a> will, <a href=\"https:\/\/picasaweb.google.com\/109747868230974974032\/China2011\" target=\"_blank\">wird hier f\u00fcndig.<\/a><\/p>\n\n<p>Dass die Chinesen eigentlich alles erfunden haben und f\u00fcr s\u00e4mtlichen Fortschritt der Welt verantwortlich sind, ist zumindest in der chinesischen Meinung und Weltanschauung so fest verankert, dass sie keine Gelegenheit ausnutzen, diese vermeintliche Tatsache ihren r\u00fcckst\u00e4ndigen europ\u00e4ischen Besuchern unter die Nase zu reiben. Manchmal kommt man nicht einmal dazu, Einspruch erhebend den Zeigefinger zu heben und Luft zum Widerspruch zu holen, da kommt schon die n\u00e4chste Errungenschaft: Das weltgr\u00f6\u00dfte Irgendwas, die h\u00f6chste Sonstwie und \u00fcberhaupt alles Superlative befindet sich in China. Und um noch richtig den Finger in die Wunde zu legen, kommt im Folgenden auch immer noch ein: &#8220;Und wo gibt es das zweitgr\u00f6\u00dfte Dings?&#8221; als rhetorische Frage. Sofort rattert das europ\u00e4ische Gehirn auf der Suche nach dem zweitgr\u00f6\u00dften Platz, Geb\u00e4ude, Reisfeld &#8211; nur, um dem \u00fcberbrodelndem Selbstbewusstsein der Chinesen etwas entgegenzusetzen. Die Ern\u00fcchterung folgt auf den Punkt. &#8220;In China.&#8221; Das ist die Antwort der Chinesen &#8211; man hat nicht nur das weltgr\u00f6\u00dfte Dings, sondern auch das zweitgr\u00f6\u00dfte. So sind sie.<\/p>\n<p><a title=\"Summer Palace\" rel=\"lightbox[604]\" href=\"http:\/\/lh4.ggpht.com\/-SAt9HPDQvBA\/TnsJ9uzqLMI\/AAAAAAAADgI\/0ADMWmTXiMA\/s400\/DSC_0407.JPG\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/lh4.ggpht.com\/-SAt9HPDQvBA\/TnsJ9uzqLMI\/AAAAAAAADgI\/0ADMWmTXiMA\/s400\/DSC_0407.JPG\" alt=\"DSC_0407.JPG\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vieles ist aber auch wirklich superlativ. Eigentlich fast alles &#8211; zumindest im Vergleich mit europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben. Sei es die chinesische Mauer, die Terrakotta Armee oder der f\u00fcr eine einzelne Familie etwas zu gro\u00df geratene Verbotenen Stadt mitten in Peking. Die Sehensw\u00fcrdigkeiten zeugen von einer sehr spannenden Kultur &#8211; diese steht wegen des unvorstellbaren Wachstums in China aber oft auf einer d\u00fcnnen Linie zwischen der Welt im 21. Jahrhundert und der traditionellen Lebensweise der Chinesen. An allen Ecken merkt man dies &#8211; sei es mitten in Shanghai, wo alte Wohnviertel ohne jede sanit\u00e4re Versorgung an teure Glaspal\u00e4ste grenzen oder in Xian, wo horden von chineischen Besuchern mit Blitzlichtgewitter eine buddhistische Messe begleiten. W\u00e4hrend viele der touristisch interessanten Orte liebevoll herausgeputzt und sauber gehalten werden, gibt es an anderen Orten genau dies nicht &#8211; viele Sch\u00e4tze sind am Lauf des Yangzi unwiederbringlich vernichtet worden, 1,3 Million Menschen wurden umgesiedelt und die h\u00fcbschen D\u00f6rfer, die man unterhalb des Drei-Schluchten-Damms sieht, mussten weichen f\u00fcr h\u00f6her gelegene Plattenbauten.<\/p>\n<p><a title=\"On the Yangzi\" rel=\"lightbox[604]\" href=\"http:\/\/lh3.ggpht.com\/-bHzHzjuJDfQ\/TnsLMoFZuNI\/AAAAAAAADkU\/tuJ9VsCMfco\/s400\/DSC_1050.JPG\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/lh3.ggpht.com\/-bHzHzjuJDfQ\/TnsLMoFZuNI\/AAAAAAAADkU\/tuJ9VsCMfco\/s400\/DSC_1050.JPG\" alt=\"DSC_1050.JPG\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und da zeigt sich das Dilemma das Fortschritts: Wir kennen uns in Deutschland auch mit Betonbauten aus. Plattenbauten gibt es nicht nur im Osten &#8211; auch in meiner Heimatstadt Wiesbaden gibt es Viertel mit diesen h\u00e4sslichen H\u00e4usern, die man am liebsten direkt sprengen m\u00f6chte. Nur: In China entstehen nicht einzelne Wohnviertel sondern ganze riesige Stadtteile, die von Betoncharme gepr\u00e4gt sind. Man kann nur staunen, wenn man in Chongqing steht und um einen herum 20 Kr\u00e4ne gerade vollkommen identische 20-st\u00f6ckige Hochh\u00e4user hochziehen. Hier wohnen Hunderttausende oder Millionen Menschen in Wohnsilos, die bei uns sp\u00e4testens seit den 80er Jahren als antiquiert, h\u00e4sslich und nicht nachhaltig gelten. Bleibt zu hoffen, dass die Chinesen nicht den gleichen geschmacklichen Wandel vollziehen wie wir Europ\u00e4er: Am Ende bliebe ihnen vermutlich nur der Abriss und Neubau ganzer St\u00e4dte. Das an allen Ecken und Enden sichtbare Wachstum steht in China also auf Beton. Eine Stadt wie Shanghai ist umgeben von einem ganzen G\u00fcrtel dieser H\u00e4user.<\/p>\n<p>Bekannterma\u00dfen werden die Innenst\u00e4dte von Shanghai und Beijing gepl\u00e4ttet und deren alte Bausubstanz ersetzt durch moderne H\u00e4user. L\u00e4sst man den Kritikpunkt der Menschenvertreibung au\u00dfer acht, ist dies sogar durchaus zu verstehen: Die alten Wohngebiete verf\u00fcgen \u00fcber eine br\u00fcchige Substanz, Gemeinschaftstoiletten an den Stra\u00dfenecken und wenig Perspektive f\u00fcr Besserung. Dass eine Stadt mitten im Zentrum eine andere Entwicklung m\u00f6chte, kann man durchaus verstehen. Die Chinesen beteuern zwar, dass alle Bewohner einen ad\u00e4quaten Ersatz in einer der Betonbunker bekommen, aber wenn man kritische Berichte liest, wird immer deutlich, dass sich korrupte Beamte sowohl bei der Umsiedelung der Menschen aus dem Jangzi-Tal als auch bei der R\u00e4umung der Butongs in Beijing eine volle Tasche verdienen. Solange dies so ist, ist das Vorgehen der Regierung hinsichtlich der Umsiedlung tausender Menschen im Namen des Fortschritts wirklich schwer zu rechtfertigen. Auf der Strecke bleibt mit dem Abriss auch die alte chinesische Identit\u00e4t &#8211; wenn dies so weitergeht, wird China Town in New York in Zukunft mehr chinesisches Flair haben als die Stra\u00dfenz\u00fcge im Herzen der Hauptstadt Chinas.<\/p>\n<p>Und wie geht der Chinese damit um? Das ist schwer zu sagen. Unsere Reiseleiter waren sicherlich treue Parteimitglieder. Dennoch &#8211; der Wille nach Fortschritt ist \u00fcberall zu sp\u00fcren. Im Fernsehen laufen Werbespots f\u00fcr Klosch\u00fcsseln in denen europ\u00e4isch gekleidete Chinesinnen mit voller Leidenschaft auf dem Boden knien und die Sch\u00fcssel aus ganzem Herzen umarmen. An jeder Ecke finden sich europ\u00e4ische Konzerne und platzieren Werbung f\u00fcr Autos, in Einkaufszentren gibt es riesige Verkaufsr\u00e4ume f\u00fcr Wohnungen in Shanghai. Alles in allem findet hier gerade ein riesiger Aufschwung statt &#8211; das ist \u00fcberall zu merken. Dennoch sieht man auch, wie dieser entwickelte Teil Chinas regional auf den Osten des Landes beschr\u00e4nkt ist. 30km vor Shanghai sind immernoch die Reisbauern auf ihren Feldern damit besch\u00e4ftigt, Wasserb\u00fcffel die Felder pfl\u00fcgen zu lassen, die Autobahnrastst\u00e4tten haben zwar moderne Toiletten, aber keinen Wasseranschluss und \u00fcberhaupt wirkt das gesamte chinesische Leben au\u00dferhalb der Millionenst\u00e4dte sehr beschaulich. Kein Wunder: 70% aller Chinesen sind immernoch Bauern.<\/p>\n<p><a title=\"Countryside\" rel=\"lightbox[604]\" href=\"http:\/\/lh4.ggpht.com\/-LghU6j1kG1g\/TnsLWb8TuRI\/AAAAAAAADk4\/BqF2MDiR-rw\/s400\/DSC_0089.JPG\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/lh4.ggpht.com\/-LghU6j1kG1g\/TnsLWb8TuRI\/AAAAAAAADk4\/BqF2MDiR-rw\/s400\/DSC_0089.JPG\" alt=\"DSC_0089.JPG\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es gibt viele Parallelen zur Nachkriegsentwicklung in Europa. Nur hier scheint es mit dreifacher Geschwindigkeit abzulaufen und unter einem Regime, dass weder Widerstand duldet noch den geringsten Einspruch gegen diese Entwicklung gelten lassen m\u00f6chte. Der Drei-Schluchten Damm zeigt dies auf beeindruckende Art und Weise: Hier hat sich das Land oder mehr noch deren Herrscher ein Denkmal gesetzt und mit der Bezwingung des Yangzi einen Erfolg errungen, von dem Mao seiner Zeit schon getr\u00e4umt hatte. Allen Bedenken und Umweltproblemen zum Trotz wurde hier ein Exempel statuiert, um die Gr\u00f6\u00dfe der Nation f\u00fcr alle Zeiten zu manifestieren.<\/p>\n<p>Wuchtig ist er, der Damm. Sch\u00f6n nicht. Dennoch ist es ein beeindruckendes Meisterwerk der Baukunst und obwohl im Vorfeld des Baus die westliche Kritik gro\u00df und die europ\u00e4ischen und amerikanischen Geldgeber nahezu alle abgesprungen waren, wollen viele Westler nun ihr Scheibchen abhaben und Geld an ihm verdienen. Thyssen-Krupp baut gerade ein riesiges Schiffshebewerk am Damm. Sicher ein lukrativer Auftrag. Angeblich erreichen die Turbinen des Damms aber nie ihre volle Last &#8211; die Schlammmengen des Yangzi sind zu massig und auch der Strom, der ja bis nach Shanghai flie\u00dfen soll, ist teurer als der von den Kohlekraftwerken, weshalb die Laune in Shanghai bzgl. des &#8220;gr\u00fcnen&#8221; Stroms vom Fluss recht ged\u00e4mpft ist &#8211; Shanghai muss extra zahlen. Von den Drei Schluchten ist auch nur noch eine geblieben, die sich unterhalb des Damms befindet. Die beiden anderen sind auch sch\u00f6n, haben von ihrer Dramatik aber sehr viel eingeb\u00fc\u00dft. Mit dem Damm wurde ja aber eine neue Schlucht geschaffen &#8211; vielleicht h\u00e4tte man ihn den Vier Schluchten Damm nennen sollen.<\/p>\n<p>F\u00fcr heute soll es genug sein. <a href=\"https:\/\/picasaweb.google.com\/109747868230974974032\/China2011\" target=\"_blank\">Hier noch der Link zu einigen Bildern aus China<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir waren gerade in China &#8211; eine tolle Reise in ein spannendes Land. Hier gibt es ein Paar Gedanken von mir zu unserem Trip. Viel Spa\u00df beim Lesen! Wer nur Bilder will, wird hier f\u00fcndig. 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