{"id":717,"date":"2013-06-06T22:33:54","date_gmt":"2013-06-06T21:33:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.any-where.de\/blog\/?p=717"},"modified":"2013-06-06T22:33:54","modified_gmt":"2013-06-06T21:33:54","slug":"ja-verlage-sind-softwarehauser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.any-where.de\/blog\/ja-verlage-sind-softwarehauser\/","title":{"rendered":"Ja, Verlage sind Softwareh\u00e4user."},"content":{"rendered":"<p>Besucht man die Websites von Zeitungsverlagen und analysiert man die digitalen Produkte von Widgets \u00fcber Shops bis hin zu Apps auf den Seiten und Produktbeschreibungen der Branchenkollegen, sieht man das immer gleiche Bild: Softwareprodukte von Drittanbietern. Angefangen bei Videogalerien und Artikelempfehlung bis hin zu Shopsystemen und Apps findet man Produkte, die von Verlagen lizensiert, aber nicht selbst entwickelt wurden. Besonders in der &#8220;neuen mobilen Welt&#8221;, in der sich Verlage gerade zu orientieren versuchen, findet man Fremdprodukte und White-Label-L\u00f6sungen. Und es werden immer mehr. Verlage strecken ihre F\u00fchler in viele Richtung aus, was grunds\u00e4tzlich sehr gut und richtig ist. Was aber entsteht, ist eine f\u00fcr den User un\u00fcbersichtliche Welt von Drittprodukten, die weder miteinander vernetzt noch individuell ist. Denn all diese Partnerschaften sind ja eben in vielen Produktportfolios von Unternehmen der Branche vertreten und somit ohne wirkliches Innovationspotential: jeder schaut nach rechts und links und lizensiert, was der Nachbar auch lizensiert, aber kaum einer geht voran und schafft Innovationen. Dabei wird es meines Erachtens immer wichtiger, dass wir Verlage uns nicht nur als Contentproduzenten und -verwerter verstehen, sondern selbst die guten Ideen, die wir haben oder die an uns herangetragen werden, in nutzenbringende digitale Produkte umsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es mangelt uns im Wesentlichen an drei Dingen:<\/p>\n<p><strong>1. Erkenntnis. Softwareentwicklung muss eine Kernkompetenz von Verlagen werden.<\/strong><\/p>\n<p>Alle Bem\u00fchungen, die Verlage derzeit anstellen, neue Gesch\u00e4ftsmodelle zu entwickeln, m\u00fcnden am Ende in Software. Alle Gesch\u00e4ftsmodelle, die mir in den letzten Monaten untergekommen sind, alle Ideen rund um neue Produkte (ob diversifizierte Neuprodukte oder aufpolierte Verlagsprodukte) drehten sich um eins: das Web. Da verwundert mich es immer, dass wir Verlage einerseits zwar erkennen, dass es ohne einen massiven Technologieschwerpunkt im Softwarebereich nicht mehr geht, wir uns aber auf der anderen Seite sehr schwer tun, hier Kompetenzen aufzubauen.<\/p>\n<p>Statt selbst Software zu entwickeln, verlassen wir uns auf Technologiepartner in allen nur denkbaren F\u00e4llen: E-Commerce-Systeme, Apps, E-Paper, Contentempfehlungen und vieles mehr. Was entsteht, sind Insell\u00f6sungen die zwar funktionieren, aber einige Nachteile haben. Es fehlen Schnittstellen zu bestehenden Systemen der Verlagswelt, User haben weder einheitliche Nutzerprofile noch existieren Schnittstellen zur zentralen Erfassung von nutzerbezogenen Daten, jede L\u00f6sung kostet Lizenzgeb\u00fchren, jede L\u00f6sung ist ein White-Label und somit an vielen anderen Stellen im Netz als Kopie vorhanden (wenn auch in einem anderen lokalen Markt &#8211; aber juckt das das Internet?).<\/p>\n<p>Ganz ehrlich: W\u00e4re ich eine kleine Firma mit einem funktionierenden digitalen Produkt, w\u00fcrde ich bei den Verlagen vorstellig werden und anstreben, einen Vertrag zu schlie\u00dfen in der Hoffnung, die n\u00e4chsten Monate (oder Jahre) Geld f\u00fcr Lizenzen zu bekommen. Viele Unternehmen tun auch genau das &#8211; sie gehen anklopfen und sto\u00dfen auf offene Ohren. Viele Ideen sind auch wirklich toll. Von Crowdfunding \u00fcber Shopsysteme, Apps aller Art bis hin zu Produkten mit tollen Location Based Services findet man hier tolle Ideen. Aber eben als Insell\u00f6sung und nicht als Eigenentwicklung. Um die aufgez\u00e4hlten Nachteile dieser Inseln auszumerzen, hilft nur eines. Verlage m\u00fcssen schlagkr\u00e4ftige Softwareentwicklungsabteilungen bekommen. Einige Verlage tun auch genau das und haben (manche bereits seit Jahren) erfolgreiche digitale T\u00f6chter, die in der Lage sind, Anforderungen der Verlage selbst in Software umzusetzen, statt diese im Markt kaufen zu m\u00fcssen oder \u00fcber Partnerschaften zu lizensieren. Andere sind sp\u00e4ter dran oder noch gar nicht auf den Zug aufgesprungen. Aber nur mit einer starken eigenen Softwareentwicklung werden Verlage in der Lage sein, eine homogene digitale Produktwelt zu schaffen. Konsistente Produkte mit dem Potential f\u00fcr weitere Innovationen m\u00fcssen geschaffen werden. Nicht nur wegen der Entwicklungshoheit und damit verbundenen Individualit\u00e4t und Perspektive selbst sondern auch wegen der erhobenen Nutzerdaten in der vernetzten Produktwelt, welche verwendet werden k\u00f6nnen, userzentrierte nutzenstiftende neue Produkte zu entwickeln. Big Data ist auch f\u00fcr Verlage das Buzzword.<\/p>\n<p><strong>2. Mut. Der Weg \u00f6ffnet neue Perspektiven und Erl\u00f6smodelle.<\/strong><\/p>\n<p>Nichts zu machen ist immer noch besser als das Falsche zu tun. Das k\u00f6nnte man oft denken, wenn man sieht, wie in Verlagen Entscheidungen durch die Instanzen getragen werden. In einem <a href=\"http:\/\/www.inma.org\/blogs\/marketing\/post.cfm\/healthy-organisations-like-organisms-need-to-evolve\" target=\"_blank\">Artikel \u00fcber die Zeitungswelt der USA<\/a> schreibt Bob Provost, dass die Branche, welche jahrelang die Cash Cow Zeitung hatte, vergessen hat, Innovationen zu schaffen. Das trifft f\u00fcr den deutschen Markt durchaus auch zu &#8211; wir ziehen uns zwar alle kr\u00e4ftig am eigenen Schopf aus dem Tal der Tr\u00e4gheit, m\u00fcssen aber noch viel mutiger werden: Manchmal ist auch der Weg erst der Schl\u00fcssel zur Erkenntnis und neuen Gesch\u00e4ftsmodellen. Im Kleinen beginnen und Ideen eine Chance geben mit dem Wissen, dass man scheitern kann. Das zu denken f\u00e4llt uns schwer. \u00a0Auch m\u00fcssen wir vor allen Dingen zuh\u00f6ren. Schauen, was unsere User (ja User, nicht Leser) m\u00f6chten. Der Dialog mit unseren Kunden, auch inhaltlich zu redaktionellen Themen, f\u00e4llt uns ja auch oft noch schwer. Statt den Kunden in das Zentrum all unseres Tuns zu stellen drehen wir uns darum, wie wir am besten unsere Kundendaten in SAP abbilden und die IVW zufrieden stellen, statt dem User das bestm\u00f6gliche Produkt zu bieten. Lasst uns die Ohrenst\u00f6psel herausnehmen und mit den Kunden zusammen neue Produkte erstellen und Erl\u00f6sm\u00f6glichkeiten erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>3. Geschwindigkeit. Die Produktentwicklung ist zu starr und dauert zu lange.<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeitung als physisches Produkt ist wenig formbar. Sie hat ein fixes Layout, fixe Texte und Anzeigen und einen starren Aufbau. Da sie nach dem Druck als Produkt vorliegt und im Postkasten der Abonennten landet, ist die Erwartungshaltung angebracht, dass sie m\u00f6glichst perfekt und ausgearbeitet ist. Hier ist es durchaus richtig, auf Ver\u00e4nderungen langsamer und Neuerungen vorsichtiger zu reagieren &#8211; man kann das Rad nicht zur\u00fcckdrehen, wenn sie einmal ausgeliefert wurde. Jeden Tag ein neues Zeitungsrelease mit sich \u00e4ndernden Layouts oder Seitenformaten ist schlicht nicht m\u00f6glich. Im \u00fcbrigen w\u00fcrde die Zielgruppe das auch sicher nicht guthei\u00dfen.<\/p>\n<p>Bei digitalen Produkten verh\u00e4lt sich die Welt aber anders: Hier ist Fokussierung und Geschwindigkeit gefragt. Verlage wollen hier oft alles auf einmal. Aber statt alles ein &#8220;bisschen&#8221; zu machen, muss in der digitalen Produktentwicklung eine Fokussierung auf Kernanwendungsf\u00e4lle erfolgen, die den meisten Business Value erzeugen. Diese m\u00fcssen priorisiert, richtig entwickelt und als Produkt in den Markt entlassen werden. Mit dem Feedback von Usern wird das Produkt dann iterativ weiterentwickelt. Ein zur Zeitungsproduktion kontr\u00e4rer Ansatz. Das m\u00fcssen wir Verlage aber noch lernen: Derzeit versuchen wir immer noch, mit den Ans\u00e4tzen einer &#8220;physischen&#8221; Produktentwicklung digitale Projekte zu stemmen. Mit dem Ergebnis, dass diese (zu) sp\u00e4t in den Markt gehen. Was Softwareunternehmen schon lange erkannt haben, muss in der Verlagswelt auch zum Mantra werden: Digitale Produkte entwickelt man iterativ. Wir m\u00fcssen uns immer wieder auf die Kernfunktionen und das minimale Featureset digitaler Produkte fokussieren und diese als Produkt ausrollen. Mit dem Feedback der User wird gelernt und das Produkt verbessert &#8211; hier schlie\u00dft sich der Kreis zum Mut.<\/p>\n<p><strong>Spannende Zeiten<\/strong><\/p>\n<p>Vieles ist im Aufbruch in der Zeitungsverlagswelt. Die drei genannten Punkte sind sicher nicht die einzigen Herausforderungen der Branche und sehr punktuell beleuchtet &#8211; hier schreibt schlie\u00dflich auch in Informatiker. Aber sie sind doch nicht zu untersch\u00e4tzen: Die Erkenntnis, dass Softwareentwicklung eine zentrale Kernkompetenz von Unternehmen der Branche werden muss, kommt. Langsam, aber sicher. Ja, Verlage sind Softwareh\u00e4user. Erst mit dieser Einsicht und dem Willen, auch als solche zu agieren, werden wir in der Lage sein, im digitalen Zeitalter ernstgenommen zu werden und zu bestehen. Da freue ich mich schon drauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besucht man die Websites von Zeitungsverlagen und analysiert man die digitalen Produkte von Widgets \u00fcber Shops bis hin zu Apps auf den Seiten und Produktbeschreibungen der Branchenkollegen, sieht man das immer gleiche Bild: Softwareprodukte von Drittanbietern. 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