Neuwerk – eine winzige Insel.

Vor der Nordseeküste Deutschlands liegen wunderschöne, kleine Inseln. Die meisten haben eine angenehme Größe und klingende Namen wie Langeoog oder Borkum. Aber es gibt auch die eine oder andere kleine Insel, bei der selbst Norddeutsche fragen: “Wo ist das eigentlich?”

Mit der MS Flipper von Cuxhaven nach Neuwerk
Mit der MS Flipper von Cuxhaven nach Neuwerk

Eines dieser unbekannten Eilande der Nordsee ist Neuwerk. Dabei sollte es zumindest jedem, der mal per Schiff nach Hamburg in die Elbe fuhr, bekannt sein: Sie liegt direkt vor Cuxhaven, etwa 15km tief im Wattenmeer. Dass die Insel ein offizieller Teil von Hamburg ist, ist eine nette kleine Nebensächlichkeit. Denn den Trubel einer Großstadt sucht man auf Neuwerk vergeblich.

Auf die Insel gelangt man nämlich weder per U-Bahn, Taxi oder Bus. Dennoch ist die Art der Anreise für eine Insel durchaus auf vielfältige Art und Weise möglich: Durch ihre Lage im Wattenmeer ist es möglich, bei Niedrigwasser entweder selbst zu Fuß zu laufen, sich mit einem Pferdewagen bringen zu lassen oder klassisch bei Hochwasser mit einem Passagierschiff aus Cuxhaven, der MS Flipper, bringen zu lassen. Auf dem Schiff trifft man an jedem Werktag den Postboten, der Neuwerk und seine Bewohner mit Paketen und Briefen aus dem restlichen kleinen Teil der Welt versorgt. Er ist der einzige seiner Art in Deutschland, der jeden Tag mit der Fähre auf eine Insel zum Verteilen seiner Sendungen übersetzt. Stolz erzählt er, dass es neben ihm nur eine Kollegin in Brandenburg gibt, die im Spreewald mit einem Boot die Post bringt. Er hat auf der Insel etwa zwei Stunden Zeit, seine Tour zu machen, bevor das Schiff mit einsetzender Ebbe wieder nach Cuxhaven aufbricht. Zwei Stunden sind aber mehr als ausreichend: Neuwerks Häuser lassen sich fast noch an zwei Händen abzählen, die Fläche der Insel ist nur 3 Quadratkilometer groß und mit dem E-Bike geht die Tour recht schnell.

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Blick vom Leuchtturm auf grüne Wiesen
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Ländliches Idyll auf Neuwerk
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Salzwiesen vor dem Deich laden zu Spaziergängen ein

Die etwa 40 ständigen Bewohner Neuwerks leben weitestgehend vom Tourismus. Es gibt drei kleinere familiengeführte Hotels für die Gäste, die auch über Nacht bleiben wollen. Wer es ganz spartanisch mag, kann auch in sogenannten Heuhotels übernachten. Und eine Übernachtung sei jedem Besucher ans Herz gelegt – denn nur dann lässt sich abseits der Tagestouristen die Ruhe der Insel genießen.

In etwa einer Stunde hat man die Insel auf ihrem kleinen Deich komplett umrundet. Von jedem Punkt auf dem Deich sieht man jeden Punkt auf der Insel. Steht man am Hafenanleger und möchte auf die andere Seite der Insel, so stellt sich hier die Frage: “Rechts oder Links?” Denn die Entfernung ist in beide Richtungen gleich. Orientieren kann man sich, wenn es nicht sowieso nach 2 Minuten Aufenthalt automatisch funktioniert, an Schildern, die einzelne Häuser auf Neuwerk ausschildern. Ein Verlaufen ist also unmöglich. Weitere Verkehrsschilder gibt es übrigens nicht.

Überhaupt reduzieren sich alle Fragen der Welt auf ein kleines Set. Denn wer in der Großstadt wohnt, wird auf Neuwerk herrlich auf Sparflamme geschaltet. Es gibt keine Autos, nur wenige Traktoren, die als Transporter für Gepäck und Touristen fungieren, wenn sie nicht eine der wenigen Wiesen mähen. Der Blick auf der Insel verliert sich in der Weite des Wattenmeers. Man hat viel Zeit, sich über jedes Schiff, das an der Insel vorbeifährt, Gedanken zu machen, wo es herkommt, wo es wohl hin will und wer dort wohl so fährt.

Der Postbote erzählt, dass die Fähre nur zur Saison im Sommer regelmäßig fährt. Im Winter gibt es nicht mehr viele Gäste und die wenigen Bewohner sind unter sich. Dann kommt auch nur noch ein wöchentliches Versorgungsschiff und die wichtigste Ader zum Festland wird der Pferdewagen, mit dem dann auch die Post geliefert wird. Bis vor wenigen Jahren konnte man noch Silvester in den kleinen Hotels verbringen. Nachdem aber ein Sturm die Gäste für mehrere Tage am Verlassen der Insel hinderte, entschied man sich, dieses Angebot zu streichen. Somit bleibt man unter sich: Eine Hand voll Familien auf einem kleinen Eiland.

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Weithin sichtbar ist der Leuchtturm von Neuwerk

Weithin sichtbar ist der große Leuchtturm Neuwerks, ein Bollwerk, das bereits im 14. Jahrhundert  errichtet wurde. Ihm verdankt Neuwerk auch seinen Namen. Das damals “neue Werk” gab der Insel “Noge O” ihren neuen Namen. Hier ist auch die größte Sammlung von Häusern auf Neuwerk: Ein Schullandheim, die Stackmeisterei, welche sich um die Fahrrinne durch die Elbmündung kümmert, das Nationalparkamt und eine kleine Galerie.

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Seit dem 14. Jahrhundert ist der Leuchtturm auf Neuwerk
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Die Leuchtturmspitze auf Neuwerk

Wenige Meter weiter Richtung Deich gibt es das Nationalparkzentrum. Hier wird das Watt erklärt: Eine kleine Ebbe- und Flutsimulation zeigt, wie sich die Bewohner des Watts auf die wechselnden Gezeiten einstellen. Man kann Möwenarten interaktiv erraten oder die Entwicklung von Dünen mit Wind simulieren.

Strom und Wasser bezieht Neuwerk vom Festland – bereits in den 60ern wurde eine Leitung nach Cuxhaven durch das Watt gelegt. Neuwerk selbst hat eine Kläranlage und auch eine Reihe von Solaranlagen auf den Dächern – behauptet man doch, dass Neuwerk zu den sonnenreichsten Orten Deutschlands gehört. Und tatsächlich – wir starteten bei Regen mit der MS Flipper nach Neuwerk und mit jedem Kilometer, den wir weiter hinausfuhren, kam die Sonne mehr und mehr heraus und erstrahlte Neuwerk für unseren Besuch.

Kinder, die auf der Insel groß werden, gehen bis zur 6. Klasse auf die inseleigene Schule, direkt hinterm Deich, nahe des Anlegers. Seit über 100 Jahren hat Neuwerk eine eigene Schule, in der jahrgangsübergreifend alle Kinder von einer Lehrerin unterrichtet werden.

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Der Fähranleger von Neuwerk

Ebbe und Flut bestimmen nicht nur das Leben auf Neuwerk. Auch die Arbeitszeiten des Postboten sind durch die Gezeiten geprägt. Mal startet ein Arbeitstag sehr früh, mal spät, aber immer so, dass vor Niedrigwasser alle Briefe ausgetragen, alle Päckchen zugestellt, die MS Flipper wieder im sicheren Hafen von Cuxhaven liegt und auf Neuwerk ein weiterer ruhiger  Abend im Mündungswasser der Elbe beginnt.

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